Das Elementare, mein lieber Kunde…
Ein Vormittag im Zeitalter der unmittelbaren Kommunikation bricht an
Szene: eine Wohnung im 9. Bezirk, ein nebliger Novembertag, Dienstag, natürlich…
7.55 das Mobiltelefon mit der Nummer 0650 5855347 meldet sich mit den Klängen der Marseillaise. Eingehende SMS „Pressemeldung bitte bis heute 10.00 ins Englische und Französische. Danke Karin.“ Karin ist seit drei Jahren Pressesprecherin eines Telekomkonzerns und Frühaufsteherin. Caroline murmelt: „Allons enfants de la patrie….“
7.58 Caroline trottet zu ihrem Notebook, ruft die E-Mail-Adresse translation@dolphin.at ab und empfängt noch vor dem lebensnotwendigen ersten Kaffee die Pressemeldung. Knapp zwei Seiten, bis 10.00. Dienstag, was sonst?
8.02 Noch halb im Schlaf textet Caroline eine SMS an Chris in London: „Hi Chris, dringender Text bis heute 9.30 spätestens – melde dich! Bussi Caro!!!“
8.10 Der lebensnotwendige Kaffee füllt langsam die Tasse, Caroline überlegt die nächsten Schritte. Die Übersetzung ins Französische kann Sie selbst machen, sie ist bilingual aufgewachsen, arbeitet seit drei Jahren bei DELPHIN als Übersetzerin, Trainerin und Projektleiterin. Aber es sind 30 Minuten bis ins Büro…
8:15 SMS von Chris aus London: „Are you mad, it’s the middle of the night here in London. Do you people never sleep? “
8:16 SMS von Chris: „O.k., bring it on!!!! “
8.20 E-Mail an Karin: „Hallo Karin, wir haben den Text erhalten, 10.00 geht sich aus. Caro“
8:22 E-Mail an Chris mit der Pressemeldung, dann SMS an Seiichi: Hallo Seiichi, kannst du das Büro aufsperren, hab’ eine dringende Übersetzung bis 10.00. Mach es von zu Hause aus. Caro“
Seiichi unterrichtet Japanisch übersetzt in und aus dieser Sprache, studiert so nebenbei auch Jus und Geschichte, lässt sich durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen, formuliert alles, was es zu formulieren gibt, mit außergewöhnlicher Höflichkeit und textet daher zurück. „Selbstverständlich, liebe Caroline, werde mich gleich auf den Weg machen. Liebe Grüsse Seiichi.“
8.27 Caroline beginnt, zu übersetzen, ein wenig später auch Chris.
Ortswechsel: Büro DELPHIN, Getreidemarkt 17, Ecke Mariahilferstraße, gleich beim Museumsquartier:
8.50 Seiichi sperrt auf, schaltet die Kaffeemaschine und die wichtigsten PCs ein und beäugt erwartungsvoll den Posteingang. Ein rotes Rufzeichen springt ihm ins Auge: Simone, seit vier Jahren bei einer weltbekannten Werbeagentur als Accountmanagerin tätig, seit 2 Jahren Kundin bei Delphin mit regelmäßig anspruchsvollen und interessanten Texten, mailt in gewöhnter Kürze: „Hallo liebes Delphin Team, wir brauchen für eine Präsentation einen Slogan im Ungarischen, ganz kurz, nur folgender Text: SAUBILLIG – solche Preise gibt es nur bei uns!“ Unter dem Text ist ein freundlich lächelndes, rosarotes Schweinchen abgebildet. „Sollte bis 12.00 bei uns sein!!! Geht das?“
Die höfliche Antwort Seiichis würde den Rahmen dieses Artikels sprengen lässt sich aber so zusammenfassen: „Ja, das geht!“
9.10: SMS an Agnes, ihres Zeichens Übersetzerin und Dolmetscherin für die ungarische Sprache, auch hier geben wir nicht den vollen Text wieder, aber Agnes meldet sich umgehend telefonisch. Mit der Übersetzungsbitte konfrontiert meint sie sofort, im Ungarischen ist etwas nicht SAU-Billig, sonder höchstens RINDS-Billig, das geht aber so nicht mit dem Bild vom Schweinchen. Was sollen wir tun?
9.10 ….während Seiichi noch mit Agnes spricht, öffnet sich ein Skype-Fenster am Bildschirm, es ist Chris aus London. Seiichi bittet Agnes um Verzeihung, verspricht sich sofort wieder zu melden und legt auf. Er setzt sich den Kopfhörer auf und begrüßt Chris, der sofort zur Sache kommt. „Du, Seiichi, in dem Text ist eine komische Zwischenüberschrift, da steht nämlich „Elementar, mein lieber Kunde, elementar!“...“
9:15 Elke taucht im Büro auf. Erstaunte Blicke, denn für ihre Begriffe ist das sehr früh Eigentlich pflichtet sie Chris bei, dass es immer noch mitten in der Nacht wäre. Elke ist als Österreicherin in unserer kleinen Welt eine Minderheit, sie übersetzt und unterrichtet Deutsch und Englisch in jeder Kombination, verfügt über Charme und Herzenstakt, ist fesch und gescheit und wie Seiichi durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Sie erwartet um 10 Uhr einen Schüler (das klingt nach Schultasche und Federpennal, es handelt sich aber um den Geschäftsführer eines internationalen Konzerns) und möchte sich noch etwas vorbereiten. Zuvor lässt sie sich bei einem Kaffee und einer Zigarette, ihrem einzig bekannten Laster, die Ereignisse des jungen Tages, in ihren Augen eigentlich die des Vorabends, schildern und stellt dann trocken fest, dass das Elementare mit Sherlock Holmes zu tun habe.
9:22 E-Mail an Chris mit eben diesem Hinweis auf Sir Arthur Conan Doyle, der so eine Grundregel der Deduktion erläutert. Das Zitat ist schnell „gegoogelt“ und auf Wikipedia findet sich dann der Hintergrund des Zitats und dessen englisches Original: „Elementary, my dear Watson!“ Das hat zwar Holmes so nicht selbst gesagt, es wird ihm aber zugeschrieben, und das reicht an dieser Stelle.
9:30 Caroline ruft an und fragt, ob wir wissen, dass die Zwischenüberschrift auf Sherlock Holmes verweist, sie habe das französische Äquivalent „Élémentaire mon cher Watson!“ mit „Élémentaire mon cher client!“ übersetzt.
9:42 Chris sendet den Text per E-Mail, Seiichi leitet die Datei mit nur 15 begleitenden Wörtern, also praktisch kommentarlos, an Karin weiter, eine Kopie geht an translation@dolphin.at, damit wir am Ende des Tages auch wissen, was alles geliefert wurde. Kein geringes Problem, wenn der Tag so weitergeht, wie er angefangen hat.
9:54 Im Posteingang landet die französische Version des Textes, die Caroline direkt an Karin gesendet hatte, die Anspannung geht etwas zurück, Seiichi lächelt zum ersten Mal an diesem Tag, alle Raucher versammeln sich in der Küche zum Tratsch, einem eminent wichtigen psychosozialen Vorgang, und weil dabei immer so trefflich über sich und andere und Gott und die Welt parliert und gelästert wird, schließen sich auch die Nichtraucher an. Das Telefon wird wieder auf die Mobilnummer umgeschaltet, damit das Psychosoziale auch ungestört vonstatten gehen kann. Alle Stühle in der kleinen Küche sind besetzt, denn mittlerweile haben sich Anne (aus Luxemburg), Ainhoa (aus Barcelona), Oliver (aus San Francisco), Nadine (aus Palästina) und Cindy (irgendwo aus Kanada) dazugesellt. Alle sind Nichtraucher, was aber den anderen gar nicht auffällt. Das Gespräch ist bald beim Schwein angelangt und beim Rind, Lösungsvorschläge für dieses translatorische Dilemma gibt es in der nächsten Viertelstunde einige, nichts greift wirklich. Alle finden, das Schwein muss weg, da kommt Caroline zur Tür herein, das Mobiltelefon ans Ohr gepresst, am Apparat ist Simone, die uns mitteilt, das Schwein bleibt. Und noch etwas, die Präsentation wurde vorverlegt, sie wollen den Text jetzt bis 11.00.
10.00 Seiichi verabschiedet sich aus der Runde, seine Schülerin ist gekommen, für die nächsten beiden Stunden kommuniziert er zu den Mysterien der japanischen Sprache, doch immer wieder wandern seine Gedanken zu Sherlock Holmes und dem Schwein. Cindy bereitet ihren Nachmittagskurs vor, Englisch für Kinder, Young Dolphins heißt das Programm, aber auch sie vernachlässigt unser Wappentier und bleibt irgendwie beim Thema des Tages. „Old MacDonald had a Farm“ wird für die Kinder vor- und aufbereitet, Cindy ist Sängerin von ganzem Herzen und voller Seele und so dauert es nicht lange, bis Old Mac Donald moderato furioso aus dem Nebenraum dröhnt und alle denken, dass das eine gute Hymne für unsere Firma wäre, die vielen Tierstimmen, alles ein bisschen durcheinander….
10.15 Agnes hat zwischenzeitlich eine wörtliche Übersetzung, eine Variante mit Rind und eine dritte Version mit Schwein geschickt, diese sei aber nicht natürlich genug, wirkt gespreizt und sei eigentlich unbrauchbar.
10.25 Die Lösung des Falles ist aber immer noch nicht absehbar. Wir denken an Sherlock Holmes, und wie man ihn erreichen könnte. Um 10.30 wandert auch Elke in den Unterricht ab, der Herr Geschäftsführer ist mit angemessener Verzögerung zu seinem Termin erschienen, Elke berichtet zur Aufwärmung von unserem Dilemma, und da der junge Mann immer zu einem Scherz aufgelegt ist, meint er: „Dann pinselt’s halt einen Fußball zum Schwein dazu und sagt’s „Volltreffer“!“
10.28 Elke hebt die linke Augenbraue, dann kurz darauf sich selbst. Der Unterricht wird unterbrochen, bevor er eigentlich so richtig angefangen hat, alle werden zusammengetrommelt, versammeln sich in der Küche, auch der Kunde. Agnes wird mobil dazugeschaltet, dann Simone, die ihrerseits wiederum auf einer internen Leitung den Grafiker konsultiert, und so sind in diesem Moment ein gutes Dutzend Menschen an drei verschiedenen Orten im Gedanken an Schwein, Glück und Fußball miteinander verbunden.
10.33 „Das machen wir!!!“ Simone gibt grünes Licht für die Idee mit dem Fußball, Agnes macht sich an den Text, Elke lächelt ihren Schüler an, der mit diesem Honorar voll einverstanden ist. Cindys alter MacDonald klingt jetzt noch viel plastischer und nur wenige Minuten später kommt der Text auf Ungarisch. Teli találat - ilyen árakat csak nálunk talál.Volltreffer! Solche Preise gibt es nur bei uns!
10.42 Caroline leitet den Text mit einem eleganten „voilà“ an Simone weiter, Seiichi steckt höflich interessiert den Kopf durch die Bürotüre, hört die guten Nachrichten und meint „Rind gehabt!“, und um Viertel nach elf sitzen wieder alle in der Küche und reden wieder gerne miteinander. Und das ist gut so, das ist das Wesentliche an der Kommunikation auf unserer kleinen Farm, das Elementare, mein lieber Kunde…